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Das Geburtshoroskop

Posted by admin on November 10th, 2009 and filed under Geburtshoroskope | No Comments »

Jedes Verständnis der Sprache der Astrologie muss damit beginnen, dass man sich darüber klar wird, was das Geburtshoroskop aussagen kann bzw. was es nicht aussagen kann. Das Horoskop ist eine höchst komplizierte astronomische Landkarte, die nicht nur auf dem Ge­burtsdatum, sondern auch auf der Geburtszeit, dem Geburtsjahr und dem Geburtsort beruht. Wir müssen daher zuerst alle vorgefassten Meinungen und Vorurteile ablegen, die sich auf die populäre Astro­logie der Magazine gründen, die eigentlich nichts mit der wirklichen Astrologie zu tun haben. Das Geburtshoroskop legt das Schicksal eines einzelnen Menschen nicht auf eine vorbestimmte Weise fest. Vielmehr symbolisiert es die Grundlinien seiner potentiellen Charakterentwicklung. Es bedarf nur eines Minimums an Überlegung, um sich darüber klar zu werden, dass ein Mensch sein Leben nach seinen Bedürfnissen, Ängsten und Fähigkeiten einrichten und formen wird und dass diese Bedürfnisse, Ängste und Fähigkeiten sich aus seiner angeborenen Veranlagung ableiten. In diesem Sinn bedeutet Charakter Schicksal, und wenn wir unsere eigene Natur nicht kennen – wie die meisten unter uns, die nie das Unbewusste erforscht haben -, können wir den Sternen keinen Vorwurf deswegen machen, dass wir ungestüm und blindlings den Weg gehen, den wir selbst gewählt haben. Dieser grundsätzliche Punkt ist entscheidend für ein Verständnis des gesamten Astrologie­studiums. Die weniger tiefgreifende Deutung von Schicksal und freiem Willen – Schicksal ist das, was mir zu tun »auferlegt« ist, wogegen freier Wille das ist, was zu tun ich selbst »wünsche« – macht es uns unmöglich, das subtile Paradoxon zu erkennen, dass diese beiden Gegensätze ein und dasselbe sind. Wir wissen, dass allem Leben, gleichviel, ob es psychisches oder materielles Leben ist, archetypische Strukturen zugrunde liegen; sie sind die tragenden Pfeiler in der Struktur des Seienden. Wir wissen noch nicht, ob es irgendeine materielle Grundlage für die Tatsache gibt, dass astrologische Daten und menschliches Verhalten in Korre­lation stehen, obgleich es durch die Forschungsarbeiten über biologi­sche Uhren und die Zyklen der Sonnenflecke nicht mehr lange dauern wird, bis wir über Beweismaterial verfügen. Die aufwendigen und genauen statistischen Erhebungen Michel Gauquelins haben auf dramatische Weise gezeigt, dass solche Korrelationen tatsächlich existieren, aber warum es so ist, entzieht sich noch unserer Kennt­nis. Die sich auf die Astrologie beziehenden, materiellen Fakten jedoch, wie zum Beispiel die Möglichkeit von Magnetfeldeinflüssen der Planeten, welche das Magnetfeld der Sonne beeinflussen, stellen nur das eine Extrem im Spektrum des Archetypischen dar. Das andere Extremist symbolischer Natur, und die Himmelspositionen in einem bestimmten Augenblick reflektieren dadurch, dass sie die Eigenschaften dieses Moments widerspiegeln, zugleich auch die Ei­genschaften von allem, was in diesem Augenblick entstanden ist, ob es nun ein einzelner Mensch, eine Stadt, eine Idee, eine Gesellschaft Oder eine Ehe ist. Das eine ist nicht die Ursache des anderen; sie treten zeitlich zugleich auf, sind synchron und spiegeln einander wider. Was den Grund für diese Synchronizität angeht, so sind wir einerseits auf Jungs Archetypen des kollektiven Unbewussten, zum anderen auf die Lehren esoterischer Doktrinen angewiesen. Diese beiden Standpunkte scheinen dieselbe Wahrheit zu offenbaren, die die Entdeckungen der Quantenphysik und Biologie der letzten fünf­undzwanzig Jahre zu bestätigen beginnen. Das Leben ist in Wirklich­keit ein einziger Organismus, und die verschiedenen Teile dieses Organismus, obwohl von unterschiedlicher Form und scheinbar ge­trennt, sind Teile desselben Ganzen und stehen mit allen anderen Teilen in Verbindung. Als Paracelsus im 16. Jahrhundert über Astrologie schrieb, sagte er, wenn man »Manna« in sich habe, könne man »Manna« vom Himmel regnen lassen. »Saturn« befinde sich nicht nur im Himmel, sondern auch tief in der Erde und im Ozean. Venus sei nichts anderes als »Artemisia«, die in unserem Garten wachse. »Eisen« sei nichts anderes als »Mars«. Das heiße, Venus und Artemisia seien beide Produkte der gleichen Substanz, und Mars und Eisen seien beide Manifestationen der gleichen Ursache. Der menschliche Körper sei nichts anderes als eine Konstellation der gleichen Kräfte, die die Sterne am Himmelszelt entstehen ließen. Derjenige, der wisse, was Eisen ist, kenne die Attribute des Mars. Derjenige, der Mars kenne, kenne die Eigenschaften des Eisens. Das Sonnensystem ist nicht nur ein Gebilde aus der Sonne und den Planeten, die durch die Schwerkraft zusammengehalten werden und auf ihren jeweiligen Umlaufbahnen durch den Weltraum ziehen. Man kann es auch als Symbol einer lebenden Energiestruktur anse­hen, die in jedem Augenblick die niedrigeren Lebensformen reflek­tiert, welche in ihr enthalten sind. Wenn man den Symbolwert des Geburtshoroskops zu verstehen sucht, ist es nützlich zu überdenken, was wir über die Psyche wissen, denn das Geburtshoroskop ist, in der Sprache der Symbole ausge­drückt, tatsächlich ein Modell der verschiedenen Energiestrukturen oder psychischen Komponenten, aus denen der einzelne Mensch besteht. Wir wissen, dass das Ich als Mittelpunkt des Bewusstseinsfeldes ein regulatives Zentrum ist, das die Funktion hat, diejenigen Gebiete des Unbewussten (sowohl des persönlichen als auch des kollektiven Unbewussten) auszustrahlen, die ans Licht streben; und wir wissen auch, dass das Ich der Ersatz oder die Widerspiegelung jenes geheimnisvollen Zentrums ist, das Jung das Selbst nennt und das die esoterischen Lehrmeinungen die Seele nennen. Wir wissen ferner, dass ein Individuum, während e£ sich entwickelt, wahrschein­lich jene Aspekte seiner Veranlagung aus seinem Bewusstseinsfeld verbannen wird, die zwar Teil seiner Natur sind, sich jedoch aus verschiedenen Gründen nicht mit seinen Werten oder den Werten seiner Familie oder der Gesellschaft vertragen. Schließlich wissen wir, dass es, wenn man Selbstverwirklichung und ein sinnvolles Leben anstrebt, das zugleich den höheren Zweck, zu dem man geboren ist, erfüllt, von größerer Bedeutung ist, diese Aspekte der eigenen Natur ans Licht zu bringen, anstatt sie in die ewige Finsternis des Unbewussten zu verdammen. Die Persönlichkeit wird von den ersten Tagen der Kindheit an geformt, bildet sich aber fast nie gänzlich aus; sie wird nur teilweise realisiert, und bei vielen Menschen ist dieser Teil weit kleiner, als es ihrem tatsächlichen Geburtsrecht entspricht. In solchen Fällen spre­chen wir davon, dass ein Mensch sein Potential nicht wirklich er­schöpft hat, dass er seine Möglichkeiten oder sein Talent vergeudet hat, oder dass er niemals »er selbst« gewesen ist. Das Geburtshoroskop ist eine Art Saatkorn oder Entwurf all dessen, was potentiell die Persönlichkeit eines Menschen ausmacht – käme sie zur vollen Entfaltung und zu vollem Bewusstsein. Es ist im wahrsten Sinn eine Straßenkarte, dem Ziel ihres Studiums ist es nicht, die »Einflüsse« der Planeten zu »überwinden«, sondern viel­mehr in seinem Leben Raum zu geben, allen diesen Eigenschaften und Antrieben zum Ausdruck zu verhelfen, die das Horoskop sym­bolhaft darstellt. Erst dann ist es dem einzelnen Menschen möglich, dem ursprünglichen Entwurf seiner Lebensentwicklung, so wie er vom Selbst »ersonnen« wurde, nahezukommen – denn letzten Endes müssen wir von einer sinnvollen Entwicklung ausgehen. Scheint dies eine zu abstruse oder zu erhabene Definition des Geburtshoroskops zu sein, so ist es angebracht, sich zu vergegenwär­tigen, dass Astrologie einst eine heilige Kunst war, ehe sie zum Besitz von Magazinen und Zeitungen mit hoher Auflage wurde. Durch sie hat der Lernende Zugang zu einer intuitiven Erkenntnis der dem Leben zugrundeliegenden Kräfte, was Ihm kein anderes aus dem Altertum überkommenes System – vielleicht mit der Ausnahme ihres fernöstlichen Gegenstücks, des I Ging — bieten kann. Das Große spiegelt sich im Kleinen wider, und der Umstand, dass die Astrologie auch dazu benutzt werden kann, weltlichere Probleme zu erhellen, bedeutet keine Herabsetzung ihres tieferen psychologischen Wertes. Dies spiegelt nur die Tatsache wider, dass wir selbst in den unbedeu­tendsten Einzelheiten unseres Lebens das reflektieren, was unser Wesen ausmacht. Sieht man die Dinge in diesem Licht, so wird offenkundig, dass ein Verständnis des Geburtshoroskops uns eine neue Dimension zum Verständnis unseres Lebensweges vermittelt. Ebenso gibt uns der Vergleich zweier Horoskope beträchtliches Informationsmaterial darüber, wie das Zusammenleben zweier Menschen funktioniert; aus dieser Kunst des Horoskopevergleichs entstand die Synastrie – die Nutzbarmachung des Horoskopevergleichs, um Beziehungen zu er­forschen und zu bewerten. Astronomisch ist das Geburtshoroskop einfach eine Karte des Himmels – so genau berechnet, dass selbst der allergenaueste Astro­nom in ihr keine Fehler finden kann -, wie er zum Zeitpunkt der Geburt am Geburtsort erschien. Der Kreis der zwölf Tierkreiszei­chen ist ein Symbol der Vollständigkeit, und in seiner Vollständigkeit stellt er die Möglichkeiten des Lebens dar. In dieser Hinsicht ent­spricht der Tierkreis jedem beliebigen anderen universalen Symbol der Ganzheit, zum Beispiel dem Ei, dem Uroboros (der Schlange, die ihren Schwanz verschlingt) oder dem Kreuz, dessen Arme gleich lang sind. Es ist ein Mandala, und wie Jung gezeigt hat, sind Mandalas der symbolische Ausdruck der potentiellen Ganzheit des Lebens und der menschlichen Psyche. Sie sind zugleich Symbole des Selbst und Symbole Gottes, denn im Sinne menschlicher Wahrnehmung sind beide dasselbe. Vor dem Hintergrund dieses Tierkreises (der die Ekliptik genannt wird und der tatsächlich der scheinbare Umlauf der Sonne am Himmel ist) liegen Sonne, Mond und die acht bekannten Planeten. Die Positionen dieser Planeten bilden, so wie sie im Augenblick der Geburt eines Individuums im Tierkreis verteilt sind, die innere Struktur des Geburtshoroskops. Wir besitzen auf diese Weise ein symbolisches Bild, das außen vom Rad der Ganzheit umgeben ist und innen die individuelle Kombination der psychologischen Komponen­ten zeigt. Jedes Horoskop setzt sich aus den gleichen Bestandteilen zusammen: zwölf Tierkreiszeichen, acht Planeten, der Sonne und dem Mond. Und doch ist jedes Horoskop anders, da die Anordnung all dieser Faktoren in jedem beliebigen Moment verschieden ist, sowohl was die Anordnung der Planeten als auch was die Beziehung zwischen den Planeten und dem Horizont der Erde selbst betrifft. Menschliche Wesen entstehen, mit andere« Worten, aus demsel­ben Rohmaterial, denselben Trieben oder Energien, Bedürfnissen und Möglichkeiten; doch gibt es eine individuell unterschiedliche Anordnung dieser Energien, die dieser Struktur den Stempel der Einmaligkeit verleiht. Dieselben Kräfte sind in uns allen gegenwär­tig, eine Tatsache, mit der man bei jeder therapeutischen oder beratenden Tätigkeit ständig konfrontiert wind- Es gibt indessen eine kreative Individualität, die aus diesen grundlegenden Energien ein einmaliges Kunstwerk herstellt: das Leben des Individuums. Wie wir annehmen müssen, rührt dieses schöpferische Formen nicht vom Ich her, das einer solchen Leistung kaum fähig wäre; vielmehr ist es auf das Selbst zurückzuführen, und das Selbst an sich tritt nicht im Geburtshoroskop in Erscheinung. Es ist der gesamte Tierkreis. Auch vermag das Horoskop für keinen Zeitpunkt im Leben eines Men­schen aufzuzeigen, ob er sich dafür entscheidet, mit dem Bemühen seiner eigenen Psyche zu kooperieren, um ein höheres Bewusstsein zu erreichen und damit jenes Potential, das ihm von Beginn an gehörte, vollständiger auszuschöpfen. In dieser Entscheidung liegt die tiefste Bedeutung des individuellen freien Willens.

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