Der Krebs und die Liebe
Am deutlichsten wird die Ambivalenz des Krebses in seinem Liebesleben beziehungsweise in seiner Partnerschaft: Da ist auf der einen Seite dieser phantasievolle, verständnisvolle, warmherzige Mensch, der einem zuhört, der kleine Gedichte schreibt und schwärmerisch um das Objekt seiner Zuneigung buhlt, der so ganz und gar – im männlichen Krebsfall – ein Macho und so überhaupt nicht – im weiblichen Pendant – eine kalte und geldgierige Krebsfrau ist.
Wie schön, denkt der Mensch, der auf einen potentiellen Krebs-Liebhaber stößt, wie schön. Endlich ein romantischer Partner, einer, der gut zuhören kann, einer, der Blumen liebt und schöne Bilder, der sich auch Zeit für ein zärtliches Vorspiel lässt und nicht gleich zum wichtigsten Punkt der Tagesordnung vordringt, einer, der Ideale hat und sich nicht dem Hunger nach dem schnöden Mammon unterworfen hat. Doch werden diese Dinge schnell zur Selbstverständlichkeit, und ganz andere Wesenszüge kommen zum Vorschein, die bei weitem nicht dieses wohlige Kribbeln im Herzen auslösen. Zum dritten Mal in einer Woche wartet man da an einer zugigen Ecke auf seinen Krebs – der kluge Krebs-Gefährte tut übrigens gut daran, Rendezvous prinzipiell in windgeschützten oder besser beheizten Räumlichkeiten zu vereinbaren, wo womöglich auch Lektüre zur Zerstreuung aufliegt. Sieht man beispielsweise im Wartezimmer des Zahnarztes einen jungen Mann sitzen, der dann nach einer Stunde, gerade wenn er an der Reihe wäre, aufspringt und in die Arme eines eben hereinhechelnden Mädchens sinkt und mit ihr abgeht, dann kann man mit Gewissheit davon ausgehen, dass es sich bei dem jungen Mann um einen klugen oder Kummer gewöhnten Partner eines Krebses handelt, bei der jungen Dame hingegen um eine typische Vertreterin ihres Tierkreiszeichens.
Man steht also wie gesagt an der Ecke, oder man bekommt die dritte Mahnung für eine Rechnung, die der geliebte Krebs längst hätte einzahlen sollen. Man sieht das Flugzeug mit zwei leeren Plätzen in Richtung Urlaub abfliegen, weil der Krebs sich terminlich verzettelt hat, oder man plant einen Wohnungsumbau, und genau in dem Augenblick, wo der Krebs einen Farbpinsel in der Hand hält, bekommt er diesen nicht zu ignorierenden Ausschlag im Nacken und seine grässlichen Magenschmerzen. Auch das ist Krebs, und wer wirklich plant, mit ihm zusammenzubleiben, sollte in einer längeren Probephase austesten, ob er robuste und krebstaugliche Nerven hat. Überwindet man allerdings diese Probleme, hat man im Krebs einen wunderbaren, treusorgenden, liebevollen und guten Partner, der voller Überraschungen und romantischer Träume steckt.
