Darstellungen über die Anfänge der Astrologie füllen ganze Bücher, und wir können hier nur eine knappe Skizze geben. Zunächst einmal müssen wir zwischen Astrologie und Astronomie unterscheiden, die gleichzeitig ihren Ursprung in Babylonien hatten. Die Astrologen behaupten gewöhnlich, die Astrologie sei ungemein alt und die Mutter der Astronomie, doch die tatsächlichen Anfänge der beiden Disziplinen sind nicht bekannt. Nach Zeugnissen, die bis zur Erfindung der Keilschrift um 3000 v. Chr. zurückdatieren, scheint es wahrscheinlich, dass die Vorläufer der Astronomie die Himmelsbeobachtungen waren, die man in Reaktion auf das Bedürfnis nach einem Kalender anstellte, um Jagd und Aussaat zu regeln, und dass die Vorläufer der Astrologie einfach Zeichendeutung und Weissagung waren.
Ein allgemeiner Kalender war wichtig, weil Babylonien ein großes Zentralreich war, in dem örtliche Kalenderabweichungen Probleme verursacht hätten. Nach Auskunft einer ausgezeichneten historischen Darstellung von Toulmin und Good-field (1965) waren Zeichenweissagungen die natürliche Folgeerscheinung des babylonischen Glaubens, dass die Himmelskörper Götter seien, die alles vom Wetter bis zum Geschick von Menschen und Staaten beeinflussen konnten. Da sich diese Götter nun nach Mustern bewegten, die man sehen und aufzeichnen konnte, verstand man die Zeichendeutung nicht als Täuschung, sondern als die intellektuelle Herausforderung, den Gang des Schicksals zu verstehen. Überdies waren in Babylonien religiöse Überzeugungen und politische Angelegenheiten in einem heute unvorstellbaren Ausmaß miteinander verwoben. Daher bestand, obwohl wir hier zwischen Astrologie und Astronomie unterschieden haben, in ihren Anfängen wahrscheinlich kein wesentlicher Unterschied zwischen beiden. Sowie Beobachter einmal die Höhe der Sonne mit den Jahreszeiten und die Mondphasen mit dem weiblichen Zyklus in Zusammenhang gebracht hatten, dürfte man von solchen Einflüssen des Himmels auf die Erde wohl angenommen haben, dass sie sich auf alles erstreckten. In ihrem Überblick über die Ursprünge der Astrologie verweisen Culver und Ianna (1979) darauf, dass die Babylonier hätten kaum noch abergläubischer sein können. Sie sahen Schicksalszeichen in allen denkbaren Erscheinungen von einfachen Alltagsereignissen bis zum Zustand der Eingeweide von eigens geopferten Tieren. Nur einen kleinen Teil dieser Zeichen entnahmen sie den Bewegungen der Gestirne. Bezeichnend für die ältesten erhaltenen babylonischen Zeichenweissagungen ist diese von etwa 2470 v. Chr.: »Wenn man den Mond in der ersten Nacht des Monats sehen kann, wird das Land friedlich sein . . . Wenn der Mond von einem Hof umgeben ist, wird der König vorzüglich regieren. « So ähnlich klangen auch die Vorhersagen, die sich auf andere Erscheinungen stützten. Auf dieser Grundlage scheint es wenig Zweifel daran zu geben, dass der Aberglaube die eigentliche Mutter der Astrologie war.
Es gibt zahlreiche prähistorische Steinmonumente allenthalben auf der Welt – so etwa die Pyramiden und Stonehenge -, die als Observationsstätten zum Studium des Himmels gedient haben mögen. Steintürme bis zu einer Höhe von fast hundert Metern gab es um 2000 v. Chr. in Babylon häufig (der Turm von Babel war wahrscheinlich einer davon). Man nimmt an, dass von diesen Türmen aus systematische nächtliche Beobachtungen über die Himmelsbahnen des Monds und der Planeten angestellt wurden. Die wenigen Instrumente, welche die Babylonier benutzten – so etwa die Orientierungshilfen, die nach demselben Prinzip funktionieren wie die Sonnenuhr – waren ungenau. Dies spielte aber keine Rolle: Die Genauigkeit der babylonischen astronomischen Beobachtungen (die jahrhundertelang unübertroffen blieb, bis die Griechen um 100 n. Chr. sie auch erreichten) rührte nicht von der Präzision einzelner Beobachtungen her, sondern vom Alter und der Beständigkeit ihrer sorgfältig geführten Aufzeichnungen und dazu vom Vorhandensein eines zuverlässigen Kalenders, mittels dessen sie gedeutet wurden. Wenn tägliche Aufzeichnungen aus Jahrhunderten für eine Analyse zur Verfügung stehen, fallen Ungenauigkeiten in den Einzelbeobachtungen kaum ins Gewicht.
Biblische Hinweise auf eine frühe Astrologie stammen aus der Zeit um 760 v. Chr., wobei das Alte Testament mehrere Beispiele liefert. Um aus Jesaia zu zitieren: »Lass jetzt die Astrologen, die Sternschauer, die Monatswahrsager aufstehen und dich vor den Dingen bewahren, die über dich gekommen sind. « Doch eine Astrologie, wie wir sie kennen, war erst möglich, als die Babylonier um 700 v. Chr. zu astronomischen Zwecken den 360-Grad-Tierkreis erfunden hatten. Um 600 v. Chr. hatten sie diesen Kreis in zwölf gleiche Teile unterteilt und jeden nach dem Sternbild benannt, das den größten Teil des Abschnitts einnahm. Wie wir später erklären werden, haben sich diese Sternbilder dank der Präzession (von der den Babyloniern damals nichts bekannt war) bis heute um nahezu ein Zeichen weiterbewegt. Erst 300 v. Chr. hatten die Babylonier die mathematische Astronomie entwickelt, die man benötigte, um die Bewegungen des Monds und der Planeten zu berechnen. So erweist sich die oftmals von Astrologen aufgestellte Behauptung, die Astrologie habe im Altertum als empirische Beobachtung begonnen, als unhaltbar, weil bis zu dieser Zeit das dafür erforderliche astronomische Wissen gar nicht vorhanden war. Das älteste bekannte Horoskop, das sich auf den Augenblick der Geburt bezieht, stammt aus dieser Epoche und gilt für den 29. April 410 v. Chr.; es besteht großenteils aus einer einfachen Zusammenstellung der Zeichenpositionen des Monds und von fünf Planeten. Spätere Horoskope sind ähnlich, doch detaillierter ausgearbeitet, und zuweilen findet sich eine kurze Deutung über Zukunftsaussichten im Hinblick auf Gesundheit und langes Leben.
Kein babylonisches Horoskop erwähnt den Aszendenten oder einen anderen Faktor als die Planeten in den Zeichen. Daher hat es den Anschein, als sei das meiste der heutigen Astrologie von den Griechen erfunden worden, nachdem diese, schon vor der Eroberung Babylons im Jahr 331 v. Chr., babylonische Vorstellungen übernommen hatten: Um 400 v. Chr. verwendeten sie babylonische Zeichennamen für die Monate eines Sonnenkalenders. Es waren die Griechen, die als erste dem Aszendenzzeichen besondere Bedeutung zumaßen: es ist dasjenige, das im Augenblick der Geburt über dem Horizont heraufkommt. So stammt das Wort »Horoskop« aus dem griechischen »horoscopos«, was wörtlich bedeutet: »Ich beobachte, was aufsteigt«.
Die älteste erhaltene astrologische Abhandlung ist das “Astronomicon” des Manilius von Rom, entstanden in der Regierungszeit des Augustus. 130 Jahre später, im Jahr 140 n. Chr., folgte ihr der klassische “Tetrabiblos” des Ptolemäus, dessen umfassende und detaillierte Darstellung von vielen modernen Astrologen als Evangelienwahrheit akzeptiert wird und das meiste technische Grundwissen der heute praktizierten Astrologie enthält. Sowohl Manilius wie Ptolemäus bezogen sich ständig auf ältere Schriften, so dass ihre Bücher eine Kompilation schon früher bekannter Überlieferung waren. Zu einigen geringfügigen Änderungen kam es, als die Astrologie von den Griechen bei den Römern eingeführt wurde; so wurden beispielsweise die Planeten nach den römischen Göttern umbenannt.
Die Vorstellungen der griechischen Astronomie gelangten (verstärkt nach dem griechischen Einfall 327 v. Chr.) nach Indien, wo sie mit Hindu-Symbolen ausgeschmückt wurden. Weil sich die spätere indische Astronomie und Astrologie an die Fixsterne hielt, was bei der griechischen Astronomie und Astrologie nicht der Fall war, kam es zu einem fundamentalen Unterschied zwischen östlicher und westlicher Astrologie, der heute noch immer besteht.
Bis zum Mittelalter hatte sich die Astrologie über die ganze Welt ausgebreitet. Erst mit dem Aufstieg der Astronomie im Gefolge der Erfindung des Fernrohrs im Jahr 1610 verlor sie vor der wissenschaftlichen Vernunft an Boden. 1666 wurde sie von den französischen Universitäten verbannt, und kurz darauf widerfuhr ihr das in ganz Europa. Es geschah nur wenig, bis ihre Denkweisen mehr als zweihundert Jahre später hauptsächlich von dem Theosophen Alan Leo (1860-1917) wiederbelebt und leicht modernisiert wurden. Zu Beginn unseres Jahrhunderts breitete sie sich nach Amerika aus, und seither erlebte sie einen kräftigen Wiederanstieg im allgemeinen Interesse, vornehmlich in den letzten ein, zwei Jahrzehnten. Heute studiert nach den Schätzungen Deans und anderer (1977) in den westlichen Ländern einer von zehntausend Menschen ernstlich Astrologie - es ist etwa die gleiche Fülle wie bei den Psychologen.
