Der Psychologe und Astrologe Fritz Riemann trat überzeugend für einen Einsatz der Astrologie in der psychologischen Beratung ein. Er schildert die Situation für jeden, der sich noch in den siebziger Jahren mit Astrologie befassen wollte: »Die Ablehnung der Astrologie von Seiten der Wissenschaft, die sie zum Aberglauben stempelt, hat dazu geführt, dass sie vorwiegend von »Außenseitern« betrieben wird. Das wiederum hatte die Folge, dass man bei ernsthafter Beschäftigung mit ihr damit rechnen muss, an Vertrauenswürdigkeit zu verlieren – als Therapeut bei Patienten und Kollegen. Bei Kollegen gilt das allerdings vorwiegend von Psychoanalytikern aus der Schule von Freud; Therapeuten Jungscher Richtung sind für die Verbindung von Astrologie und Psychotherapie aufgeschlossener.
Psychoanalytikern ist astrologisches Denken gar nicht so fremd, denn beide gehen von einem Grundkonzept sehr früher Prägungen aus, auf denen die Persönlichkeitsentwicklung aufbaut. Beide meinen, dass diese frühen Prägungen für eine gesunde Wesensentfaltung aufgedeckt werden sollten, denn wenn wir unsere Anlagen und Möglichkeiten erkennen (das klassische Stärken-Schwächen-Profil im tieferen Sinn), können wir Vergangenheit aufarbeiten und damit einen befreiten Umgang mit unserer Persönlichkeit beginnen.
Der Analytiker, der die Grundstruktur der Persönlichkeit eines Patienten in Form seines Horoskops vor sich hat, verfügt damit über ein wichtiges externes Korrekturmittel, das ihm hilft, bei Übertragungen und Gegenübertragungen nicht den Patienten aus den Augen zu verlieren.
Diese Funktion kann das Horoskop umso leichter erfüllen, als sich einige Planetenprinzipien ohne Schwierigkeiten in psychoanalytische Terminologie übertragen lassen: Die Sonne entspricht dem Drang nach Freiheit und Autonomie zwischen den Extremen von narzisstischem Größenwahn und mangelnder Kraft zur Selbstbestimmung, der Mond entspricht den unbewussten Regionen der Seele zwischen Traumwelt und oraler Mutterbindung, Merkur verkörpert das Denken zwischen intellektuellem Skeptizismus und ungenügend entwickelter Denkfunktion als Extreme, und so weiter. Der Blick in die Zukunft, der in der Astrologie über die Beobachtungen künftiger Planetenbewegungen und daraus resultierender Konstellationen möglich ist, hilft möglicherweise, bei Suizidgefährdeten den Zeitpunkt der nächsten Krise einzugrenzen.
Das Horoskop präsentiert sich insgesamt als wichtige und dazu objektive Ergänzung des Bildes einer Persönlichkeit, was gerade bei Therapeuten sehr hilfreich sein kann. Da man in der Praxis nicht von jedem Therapeuten erwarten kann, dass er eine astrologische Ausbildung absolviert, könnte er den Patienten bitten, sein Horoskop mit einem erfahrenen Astrologen zu besprechen, oder sich von diesem die Erlaubnis holen, das an seiner Stelle zu tun.
Gleichzeitig sollte aber auch ein Astrologe, der als praktizierender Berater tätig ist, eine informatorische tiefenpsychologische Analyse durchgemacht haben, um zu verhindern, dass er eigene unbewusste Probleme in ein zu besprechendes Horoskop projiziert. Eine andere Möglichkeit, dies zu vermeiden, könnte darin bestehen, dem Leser eines astrologischen Ratgebers das Horoskop des Autors vorzulegen, damit dieser selbst auf derartige Übertragungen aufmerksam werden und sie bei der Lektüre berücksichtigen kann.
