In dem auf Harmonie ausgerichteten Zeichen der Waage herrscht der „holde Abendstern”. Dieser vielbesungene Planet ist Venus, benannt nach der Göttin der Liebe und Schönheit. Sie entspricht der griechischen Aphrodite als deren römische Ausprägung. Gerade dort, in jener Zone des üppigsten himmlischen Farbenzaubers, strahlt hell ein einzelner Stern, gleichsam der Sonne nachfolgend und den Anbruch der Nacht ankündigend. Doch nicht allzu oft können wir dieses stimmungsvolle Ereignis bewundern. Nur wenige Tage liegen zwischen der Zeit, in der der Abendstern noch hell erstrahlt und seinem gänzlichen Verschwinden. Doch nach einigen Wochen können wir das gleiche Schauspiel unter umgekehrten Vorzeichen am Morgenhimmel beobachten. Innerhalb kürzester Zeit schon kündigt die Venus als Morgenstern den Anfang des Tages an. Bis sie aber wieder als Abendstern in ihrer hellsten Leuchtkraft sichtbar wird, müssen fast eineinhalb Jahre vergehen.
Die Venus ist, nach Sonne und Mond, das hellste aller Gestirne. Sie kann in einer günstigen Phase sogar am helllichten Tag gesehen werden, auch zu Mittag. Aphrodite-Venus ist also die klassische Liebesgöttin. Die Astrologie lehrt, dass Venus in zwei Zeichen herrscht, sowohl in der Waage als auch im Stier. Sie hat für diese beiden Zeichen eine verschiedene Bedeutung.
Es ist nun interessant, festzustellen, dass auch die griechische Mythologie zwei verschiedene Aphroditen kennt:
Die „irdische” Aphrodite entspricht dem Stier und ist eine Tochter des Göttervaters Zeus. Die Waage-Venus aber ist die „Aphrodite urania”, die himmlische Liebe, und von dieser ist hier die Rede. Das abgeschlagene Zeugungsglied des Uranos fällt ins Meer, weißer Schaum bildet sich, und diesem entsteigt Aphrodite, Inbegriff der klassischen Schönheit und Göttin der Liebe. Diese Schaumgeborene also ist die eigentliche Waage-Venus, die nicht durch einen natürlichen Geschlechtsakt entstanden ist. Im tieferen Sinne des Mythos aber versinnbildlicht ihre Entstehung die Vereinigung des Himmels mit dem Wasser. Der Himmel, das Element der Luft in der Astrologie, ist der Geist, das Wasser aber ist die Seele, das Gefühl. Venus herrscht im Luftzeichen Waage.
Venus, die so durch und durch weiblich ist, herrscht in der Waage im männlichen Zeichen, denn alle geistigen Zeichen sind männlich. Sie ist sinnlich, aber diese Sinnlichkeit ist eine geistig überhöhte. Sie gibt sich in der Waage nicht an das Materielle, Fleischliche hin wie im Stier, sondern an das Ideelle, Geistige. Der Stier — ein weibliches Zeichen — repräsentiert eher den . Sinnengenuss, die Waage aber ist vom Geist genährte und zum Geiste drängende Sinnlichkeit. Waage- wie Stier-Venus sind Schutzherrinnen der Künste. Doch während die Stier-Venus den Stoff, die sinnlich greifbare Form und die Farbe beherrscht, ist die Domäne der Waage-Venus die spirituelle Form, wie etwa die Linie, die Zeichnung, der Gedanke, die Formulierung, der Logos.
In den Zwillingen ist die Zweiheit in ihrer reinsten Form ausgedrückt: der Verdopplung. Bei der Jungfrau erfolgt Aufspaltung durch Analyse. Bei der Waage aber kommt es erstmals in der Abfolge des Tierkreises zu einer Verbindung von Gegensätzen, die auf etwas Drittes hin orientiert sind. Es ist die Harmonie, die durch die Vereinigung von zwei Welten entsteht, die einander freundlich begegnen.
Daher ist die Waage-Venus auch die partnerschaftliche Liebe. Sie ist dauerhafter, weil sie geistig begründet ist und das saturnische Ethos der Verantwortlichkeit kennt (Saturn ist in der Waage erhöht, im Mythos ist er gleichsam ihr Geburtshelfer). Dennoch hat auch die Waage-Venus ihre Schattenseiten. Ihre aktiven Komponenten bringen, wie die Waage, auch Kämpfe und Auseinandersetzungen. Venus verliebt sich in der Mythologie in Mars, den rauen Krieger, den die übrigen Götter nicht besonders leiden mögen. Ihr gemeinsames Kind, Eros, ist ein Bogenschütze — seine Liebe verwundet.
